Wie Du gut leben kannst, auch wenn Angst, Wut und Trauer bleiben
Es gibt zwei grundlegende Antriebskräfte im Leben eines Menschen: die Liebe und die Angst.
Die Liebe ist die Kraft des Wachsens, des Sich-Entfaltens.
Die Angst hingegen ist letztlich immer die Angst vor dem Sterben.
Aus dieser Grundangst heraus entstehen häufig weitere Gefühle: Wut und Trauer.
Wut richtet sich auf das Ungerechte, Unfassbare, was uns zugemutet wurde.
Trauer richtet sich auf das, was vielleicht unwiederbringlich verloren scheint – wie die Hoffnung, wieder unbeschwert sein zu können.
Man kann sich das Ins-Leben-Kommen – sei es im Moment der Befruchtung, als Inkarnation (wenn man daran glaubt) oder bei der Geburt – als einen Zustand der Liebe vorstellen: als einen Impuls zu wachsen, sich auszudehnen, sich zu entfalten.
Viele Menschen berichten aus meiner Erfahrung von einer vorgeburtlichen Phase, in der sie so etwas wie Lebens- und Wachstumsfreude erlebt haben.
Doch schon vor der Geburt, währenddessen oder in der frühen Kindheit machen die meisten Menschen auch beängstigende Erfahrungen: nicht verstanden zu werden, nicht gesehen, abgelehnt, benutzt, missbraucht, zurückgewiesen oder sogar misshandelt zu werden.
Solche Erfahrungen sind erschütternd – oft traumatisierend.
Diese Traumatisierungen hinterlassen Spuren.
Eine häufige Folge ist eine grundlegende Lebensangst, zu der sich nicht selten Wut und Trauer über das Erlebte gesellen.
Wie aber kann man mit einer solchen Angst ein gutes Leben führen?
Ist es möglich, trotz allem glücklich zu sein?
Ja – es ist möglich.
Aus meiner Erfahrung heraus wird es jedoch kaum gelingen – und es wäre auch nicht sinnvoll –, ein völlig angstfreier Mensch zu werden.
Angst, Wut und Trauer sind wesentliche Bestandteile unserer Lebendigkeit.
Angst schützt uns, Wut gibt uns die Kraft, uns zu wehren, und Trauer hilft uns, Verluste zu verarbeiten.
Wir brauchen all diese Gefühle, um uns im Leben zu orientieren.
Problematisch wird es erst, wenn traumabedingte Gefühle uns blockieren oder bestimmen.
Was also können wir tun?
Eine typische Folge von Trauma ist der Versuch, belastenden Gefühlen auszuweichen:
Wir verdrängen die Angst, unterdrücken die Wut, betäuben die Trauer.
Das ist verständlich – doch langfristig verstärkt es das Leiden.
Hilfreicher ist es, in kleinen Schritten – so gut wir es können – den Gefühlen Raum zu geben, wenn sie sich zeigen.
Wenn wir zum Beispiel Angst zulassen, können wir genauer erkennen, wovor wir uns fürchten, und prüfen, wie real die Gefahr im Hier und Jetzt tatsächlich ist.
Oft ist sie geringer, als sie sich anfühlt.
Wenn wir den Mut aufbringen, unsere Gefühle zuzulassen und ihnen so viel Raum zu geben, wie wir tragen können, erschließt sich uns ihre Botschaft.
Diese kann uns helfen, unsere inneren und äußeren Herausforderungen besser zu bewältigen.
Jedes Mal, wenn uns das gelingt, handeln wir mutig.
Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben, sondern sich ihr zu stellen.
Gerade nach traumatischen Erfahrungen kann sich die eigene Angst selbst wie eine Bedrohung anfühlen.
Wenn wir jedoch vor ihr fliehen oder sie bekämpfen, bleibt unklar, ob tatsächlich eine äußere Gefahr besteht.
Das Erleben bleibt diffus und beunruhigend.
Der eigentliche mutige Schritt besteht darin, sich zunächst der eigenen Angst zuzuwenden – um von dort aus klarer wahrnehmen zu können, was im Außen wirklich ist.
Wenn wir diesen Weg gehen, entwickeln wir uns weiter.
Wir lernen, uns selbst besser zu verstehen, und machen die Erfahrung, dass wir heute – als Erwachsene – mit dem umgehen können, was uns einst überfordert hat.
Diese Erfahrung stärkt uns nachhaltig.
Unser Nervensystem beruhigt sich, und wir erleben uns zunehmend als wirksam in einer Welt, die uns zuvor überwältigend erschien.
Indem wir immer wieder den Mut finden, unsere Gefühle zuzulassen und uns selbst darin achtsam und liebevoll zu begegnen, eröffnen wir uns neue Handlungsspielräume.
Wir erleben, dass wir nicht länger ausgeliefert sind wie früher, sondern über Möglichkeiten verfügen, unser Leben aktiv zu gestalten.
Mit der Zeit entsteht daraus Ruhe, innere Stärke und wachsendes Selbstvertrauen.
Wir erkennen, dass wir unser Leben tragen können – und dass wir es bis hierher bereits geschafft haben.
Das ist ein gutes Gefühl.
Es nährt Selbstbewusstsein und Lebensfreude.
Das wünsche ich dir.
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