Wie wir bei kollektivem Trauma helfen können

Was ist ein kollektives Trauma?

Ein kollektives Trauma ist ein Trauma, von dem eine Gruppe oder ein Volk betroffen ist. Kollektive Traumata haben zur Folge, dass das Grauen, das erlebt wurde ausgeschlossen werden muss. Es muss, abgespalten, tabuisiert und totgeschwiegen werden, weil die Betroffenen es nicht aushalten können, damit wieder und wieder konfrontiert zu werden. Allein die Anwesenheit der anderen, die auch das Unaussprechliche erlebt haben, erinnert schon daran, dass das Schlimme geschehen ist.
Jeder versucht sich vor Retraumatisierung zu schützen und das ist gut so! Die Kapazitäten sind einfach nicht da, sich auf die erlebten traumatischen Erfahrungen zuzubewegen. Weil alle mehr oder weniger betroffen sind, gibt es kaum jemanden im Umfeld, der aushalten kann, was an Gefühlen, Körpererfahrungen und Erinnerungen hochkommen könnte. Diese Vermeidung von allem, was ein Trigger sein könnte, führt dazu, dass das, was verdrängt wird, wie eine Leerstelle, ein Vakuum wahrgenommen wird.

Was es braucht, damit die Verarbeitung und Bewältigung eines kollektiv erlebten Traumas beginnen kann?

Der Verarbeitungs- und Traumaheilungsprozess kann beginnen, sobald die akute Todes- oder Vernichtungsgefahr im Außen vorüber ist. Wenn der real stattfindende Krieg (auch sinnbildlich gemeint) im Volk, in der Familie oder in einer Gruppe zu Ende ist und mindestens ein „Waffenstillstand“ herrscht, ist auch die Gefahr neuer traumatischer Verletzungen vorüber oder zumindest stark eingedämmt. Eine große und wichtige Hilfe bei der Verarbeitung des Erlebten ist es, wenn Menschen da sind, die bereit sind den Betroffenen zuzuhören, wenn sie das möchten.

Für den Traumaheilungsprozess sind folgende Einsichten wichtig:

  • das kollektive Trauma verschärft und verschlimmert das individuelle Trauma. So ist auch der Weg zur Bewältigung des Traumas erheblich erschwert. Ein kollektives Trauma ist ein individuelles Trauma unter erschwerten Heilungsbedingungen.
  • Solange im Umfeld niemand in der Lage ist, sich dem Schlimmen, das erlebt wurde zu stellen, muss das Erlebte unausgesprochen bleiben.
  • Jedoch ist die Unmöglichkeit sich dem Trauma zuzuwenden in dem Moment vorbei, in dem wenigstens ein Mensch da ist, der in der Lage ist, das Schlimme, das die betroffene Person erlebt hat und aussprechen möchte, mit ihr zusammen auszuhalten.
  • Es ist hilfreich, wenn es möglich ist, zu hören, was gesagt werden muss, da zu bleiben und mitzufühlen!
  • Natürlich darf die Person, die zuhört, betroffen sein, weinen und mitfühlen! Jemand, der oder die über dem Schmerz, die Verzweiflung, dem Entsetzen „drübersteht“ und scheinbar unberührt ist von dem, was mitgeteilt wird, wäre keine Hilfe. Die betroffene Person wäre wieder allein gelassen.

Grenzen des Aushaltbaren – Grenzen des Mitgefühls

  • Auch wenn die zuhörende Person eine hohe Toleranz hat, das Schlimme auszuhalten und mitzutragen, wird sie vermutlich dennoch mit ihrer Mitfühlens- und Aushaltefähigkeit an Grenzen kommen. Es gibt einfach Ereignisse, die sich unaushaltbar anfühlen und die so furchtbar sind, dass diejenigen, die damit konfrontiert sind, fassungslos sind und fassungslos bleiben. Dann ist es wichtig, damit ehrlich zu sein. Dann gilt es, die Grenze „Ich kann das gerade nicht mehr aushalten!“ ernst zu nehmen, mitzuteilen und damit da zu sein. An einer Grenze zu sein, ist in Ordnung!
  • Mit der eigenen Grenze ehrlich da zu sein, ermöglicht authentischen Kontakt und ist eine Würdigung der Schwere, die die betroffene Person erlebt hat. Das ehrliche Zulassen der eigenen Fassungslosigkeit ist wichtig, um einen echten Kontakt und menschlichen Beistand zu ermöglichen.
  • Für beide Beteiligten braucht es Achtsamkeit. Es ist wichtig, sich die Zeit zu nehmen, die es braucht, um Inhalte schrittweise in verkraftbaren Portionen auszusprechen und aufzunehmen.
  • Den Betroffenen hilft allein das ehrlich gemeinte, interessierte und mitfühlende Zuhören wollen. Allein das Zutrauen eines anderen Menschen, sich des Schlimmen anzunehmen und es auszuhalten und die Bereitschaft, das erlebte Leid zu teilen, ist eine Einladung, langsam aus dem „Versteck“, dem Rückzug, der Isolation mit dem Erlebten herauszukommen.
  • Die Bereitschaft eines anderen Menschen mitfühlend zuzuhören ermöglicht den Betroffenen, das Schlimme, das sie erlebt haben, schrittweise anzuerkennen und sich trauen zu lernen, das, was ihnen widerfahren ist, ins Bewusstsein dringen zu lassen, um es der Verarbeitung zugänglich zu machen.

Das Schlimme ist umso schlimmer, je weniger Menschen im Umfeld waren, die die Kapazitäten hatten, um zu helfen. Sobald aber ein Mensch da ist, der sich traut zuzuhören, können Betroffene beginnen, sich bewusst zu werden: Jetzt, endlich, ist jemand da, der die Kapazität hat zu helfen, jetzt ist der Krieg vorbei. Die inneren Schutzbarrieren, die vor dem Bewusstwerden des Schlimmen schützen, können schrittweise aufgegeben werden.



Wie geht es hilfreich zu sein?

  • Um auf eine hilfreiche Art zuhören zu können sind folgende Schritte, die ich in meinen Ausbildungen vermittle, wichtig: 
  • Grundhaltung der Empathie, Wertschätzung und Kongruenz
  • Offenheit und Bereitschaft für tiefe Erfahrungen der Transzendenz, die das höchste Heilungspotenzial haben
  • Zulassen aller Körperempfindungen und Gefühle, die von alleine auftauchen
  • Entwicklung der Fähigkeit, Kontrolle schrittweise loszulassen und der Aktualisierungstendenz und der Selbstheilungskraft des Organismus zu vertrauen
    Vollumfängliches Bejahen der Widerstände und der Abwehr, d.h. anerkennen von deren Selbstschutzfunktion und Bewusstwerden des geschützten und unverletzten, tiefsten inneren Kerns des Menschen.

Herzliche Grüße,
Brigitte Koch-Kersten